Module

Im Modul 1 erfolgt eine theoretische Voruntersuchung zum Begriff "Sicherheit" vom Internationalen Zentrum für Ethik in den Wissenschaften aus Tübingen. Ausgehend von einem historisch fundierten Überblick über die Entwicklung unterschiedlicher Begriffe von "Sicherheit" wird ein systematischer Beitrag zur Bestimmung der epistemologischen Differenz zwischen subjektiver und objektiver Sicherheitswahrnehmung erarbeitet.

Im Modul 2 wird die Beschaffenheit von Sicherheitslagen vom Bundeskriminalamt und der Katastrophen­forschungs­stel­le Berlin untersucht. Im Rahmen von BaSiD liegt ein Schwerpunkt der KFS darin, eine Datenbasis zur objektivierten Sicherheit gegenüber Naturkatastrophen und technischen Großunglücken zu erstellen. Dadurch soll ermöglicht werden, das subjektive Sicherheitsempfindungen der Bürger der objektivierten Sicherheitslage in Deutschland gegenüberzustellen.
In diesem Zusammenhang wird eine Analyse bestehender Systeme zur Erfassung von Schäden durch Naturkatastrophen und technischen Großunglücken durchgeführt. Es zeigt sich deutlich, dass es bisher nur wenige Schadens­erfas­sungs­systeme gibt, die zudem keine einheitliche, vergleichbare Datenbasis schaffen. Die Systeme fokussieren zum Teil sehr unterschiedlich und selektiv Ereignistypen (z.B. allein Hochwasser), sind dabei häufig unvollständig und liefern keine ausreichenden Informationen über Schäden und soziale Auswirkungen. Einzig die Angabe von physikalischen Messwerten (wie z.B. Wassertiefenklassen), auf welche die Systeme häufig reduziert sind, liefert noch keine Aussage über die Gefährdung und Schädigung der Bevölkerung und ist somit nicht ausreichend für die Erstellung einer objektivierten Datenbasis. Problematisch ist außerdem, dass die Systeme keine einheitlichen Definitionen von Katastrophe zugrundelegen, die darüber hinaus auch häufig unvereinbar mit den Legaldefinitionen in den Katastrophenschutzgesetzen der Länder sind. Es herrscht keine Einigkeit darüber, ab wann ein Ereignis als Katastrophe bewertet und registriert wird. Zudem werden in den bestehenden Systemen nur „Momentaufnahmen“ dargestellt. Die weitreichenden und verästelten Auswirkungen, die Schadensereignisse häufig nach sich ziehen, aber vor allem auch deren Genese und soziale Ätiologie bleiben gänzlich unberücksichtigt.
Deshalb wird von der KFS ein Index zur Messung von Vulnerabilität der Bevölkerung gegenüber den genannten Schadensereignissen entwickelt. Erst dieser ermöglicht es, unterschiedliche Ereignisse, wie sie in den Schadenssystemen erfasst werden, einzuordnen, zu bewerten und in Relation zu setzen. Grundlage des Indexes sind soziodemographische Daten wie die Bevölkerungsdichte sowie die Indikatoren Armut, Alter, Herkunft und die Fluktuation, die Auskunft über vorhandene Kapitalarten der betroffenen Bevölkerung sowie die Verteilung dieser Kapitalarten liefern. Der Index wird georeferenziert exemplarisch auf die Stadtteile in Hamburg und Kiel angewandt und ermöglicht so auch die kartografische Darstellung der Betroffenheit im Falle einer möglichen Katastrophe.

Subjektive Wahrnehmungen und Einschätzungen zu (Un-) Sicherheiten werden im Modul 3 untersucht. Modul 3 besteht aus zwei eng miteinander verknüpften Untermodulen: Das Untermodul 3.1 unter der Leitung des Instituts für Soziologie der Universität Freiburg beinhaltet eine explorative Studie mit weitgehend offenen Methoden. Das MPI ist im Rahmen von Untermodul 3.2 mit der Planung, Durchführung und Auswertung einer repräsentativen Bevölkerungsbefragung zum Sicherheitsbefinden verantwortlich. Die Hauptziele des Moduls bestehen darin, einerseits die lebensweltliche und biographische Bedeutung von sicherheitsrelevanten Themen und Einschätzungen zu erfassen und andererseits ein repräsentatives Bild der subjektiven Wahrnehmung von Unsicherheiten und Gefährdungen in der deutschen Bevölkerung zu gewinnen.

Mit dem Modul 4 wird das Bundeskriminalamt ein Beitrag zur Dunkelfeldforschung durch die Erforschung von Viktimisierungserfahrungen leisten. Dabei werden objektivierbare Daten über die individuell wahrgenommene (Un-)Sicherheit – maßgeblich in Form von Erfahrungen als Kriminalitätsopfer – in der Bevölkerung gewonnen. Das MPI ist an Konzeption und Auswertung der Dunkelfeldstudie beteiligt.

Im Modul 5 geht es um die Untersuchung von Gefährlichkeitsattribuierungen der Katastrophenforschungsstelle Berlin. Im wissenschaftlichen Risikodiskurs werden Risiken verstärkt als „soziale Konstruktion“ thematisiert, in die kulturelle, soziale als auch individuelle Differenzen der Wahrnehmung, Bewertung und Entscheidung eingehen, die „Risiko“ somit zu einem Momentum individuellen Handelns machen. Die Aspekte der sozialen Konstruktion von Risiko im Raum und der Abhängigkeit der spezifischen Risikoattribuierung vom Raum wurden bislang jedoch nicht erforscht.
In dem qualitativ orientierten Modul werden im Sinne einer Untersuchung von Gefahrenattribuierung im Raum individuelle (Laien) und organisatorische (Experten) Wahrnehmungen, Konstruktionen und Verräumlichungsprozesse von Gefahr und Unsicherheit erfasst und analysiert.
Ausgangshypothese ist, dass Menschen ihre Umwelt kontinuierlich und multidimensional bewerten und damit Raum einschließlich darin verorteter Gefahren, aber auch Sicherheit erst hervorbringen. Raum konstituiert sich erst durch Bedeutungszuschreibungen und dabei vor allem auch in Bezug auf „unscharfe“ Dimensionen wie „Sicherheit“ und „Gefährlichkeit“, die einerseits von Wissen, kulturellen Normen und Vorurteilen abhängen, aber auch von einem Geflecht aus Intuition, Beobachtung, Annahme, und einschlägigen Kommunikationen. Wie sich daraus eine zuordnende Bewertung formt und was diese für eine resultierende mentale Verräumlichung bedeutet, soll untersucht werden. Darüber hinaus soll ebenfalls eruiert werden, inwieweit der konstituierte und bewertete Raum wiederum auf das räumliche Handeln wie auch Empfinden der Menschen zurückwirkt. In dieser Untersuchung zur Wahrnehmung von Unsicherheit und Gefahr soll daher ermittelt werden, an welchen Raumartefakten subjektive Empfindungen und Gefühle festgemacht werden, die für das Individuum raumstrukturierend sind und welche Formen des Raumerlebens damit einhergehen.
Den Kern der Untersuchung bilden Begehungen sorgfältig ausgewählter Stadtteile in Hamburg und Kiel, die sich an den Methoden der partizipativen Photographie und „Go-alongs“ als qualitativer Interviewtechnik orientieren. Diese Begehungen werden mit Laien und Experten der institutionalisierten Gefahrenabwehr unter Zuhilfenahme georeferenzierer Fotokameras durchgeführt und dienen der in situ Beobachtung der Raumaneignung und –wahrnehmung. Anschließende individuelle Befragungen sowie in Workshops unter Einbeziehung eines GIS durchgeführte partizipative Mappings ermöglichen eine weitere Ergänzung und Kontextualisierung der Daten. Eine abschließende kulturelle Konsensanalyse dient dem konkreten Vergleich von Experten- und Laienwissen und der Feststellung von Unterschieden und Gemeinsamkeiten von Vorstellungen, Normen und Wahrnehmungen bezüglich der räumlichen Verortung von Sicherheit und Gefahr.
Das Teilprojekt stellt damit einen innovativen und experimentellen Beitrag zu einem komplexen Verständnis von Sicherheit auf unterschiedlichen gesellschaftlichen Ebenen dar, untersucht professionelle und organisationale Konstruktionen und Wahrnehmungen als bisher vernachlässigten Teil einer umfassenden Sicherheitskultur und ergänzt die anderen Teilprojekte durch seine kleinräumige und verdichtete Beschreibung subjektiver (Un-)Sicherheiten.

Das Modul 6 beschäftigt sich mit der reziproken Dynamik von Technikgenese und (Un-) Sicherheitserwartungen hinsichtlich in der Entwicklung befindlicher Technologien. Dabei gehen das Institut für Soziologie der Universität Freiburg und das Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung in Karlsruhe der Frage nach, welche Effekte zwischen Technisierungsprozessen und (Un-)Sicherheitserwartungen bestehen. Zunächst wird eine Strukturbeschreibung der Sicherheitskontexte, Leistungserwartungen und Einsatzoptionen vorgenommen. Danach wird untersucht, in welcher Hinsicht sich unter diesen Strukturbedingungen (Un-)Sicherheitsgefühle zeigen. Am Beispiel neuer Technologien des Sicherheitssektors werden in Workshops partizipative Verfahren entwickelt, die zu mehr Transparenz bei technologischen Innovationen im bereich der zivilen Sicherheit führen werden.

Das Modul 7 der Kommunikations- und Medienwissenschaften der Universität Düsseldorf zum Medienmonitoring zielt auf die Beantwortung folgender Forschungsfrage: Welche gesellschaftlichen Gefährdungswahrnehmungen und Sicherheitserwartungen kommen in den deutschen Medien zum Ausdruck? Es sollen die Grundlinien der medialen Spiegelung von Gefährdung und Sicherheit insgesamt, die mittelfristigen Veränderungen dieser Spiegelung sowie die Unterschiede zwischen den Medien und zwischen einzelnen Problembereichen ermittelt werden. Um die Forschungsfrage zu beantworten, soll eine standardisierte Inhaltsanalyse eines Mediensamples durchgeführt werden, die die Facetten des deutschen Medienangebots widerspiegelt – von der überregionalen Tagespresse bis zu Online-Foren.

Das Modul 8 beinhaltet eine ethische Begleitforschung und normative Technikfolgenabschätzung des Internationalen Zentrums für Ethik in den Wissenschaften aus Tübingen. Es werden vier Expertisen zur Itementwicklung, Befragung, Datenauswertung und Zusammenführung der Ergebnisse aus dem Bereich der Angewandten bzw. anwendungsorientierten Ethik erstellt sowie ethische Leitlinien für eine gute wissenschaftliche Praxis im Rahmen eines kontinuierlichen Sicherheitsmonitoring erarbeitet.

Im vom MPI zu bearbeitenden Modul 9 wird das Sicherheitsbarometer erstellt, d.h. ein Monitoring zu objektivierten und subjektiven Sicherheiten hierzulande. Das Modul fungiert als Querschnitt der Module 1-8, indem eine vergleichende Bewertung der verschiedenen Ergebnisse vorgenommen wird. Dabei wird das Sicherheitsbarometer nicht nur eine Bündelung der Erkenntnisse der einzelnen Module darstellen, sondern wird darüber hinaus erhebliche Aussagekraft für objektivierte Sicherheiten, subjektive Sicherheiten in der Bevölkerung und etwaige Rückkopplungen entfalten.

 

Das gesellschaftlich verbreitete Sicherheitsbewusstsein wird erhoben durch qualitative und quantitative Befragungen, kleinräumliche Begehungen und eine Medienanalyse. Darüber hinaus werden Erwartungen an bestehende und in der Entwicklung befindlichen Sicherheitstechnologien ausgewertet. Das Projekt entwickelt und bietet Erklärungsansätze zur Konstruktion und Konstituierung von objektivierter und subjektiver Sicherheit, die über die Entwicklung von Indikatoren zur Bewertung von Sicherheitslagen und -bewusstsein hinausreichen. Die Kombination von bewährten und innovativen Erhebungsinstrumenten ermöglicht die Weiterentwicklung und Verfeinerung von Methoden zur Erfassung gefühlter Sicherheiten. Die empirischen Bestandsaufnahmen zu Sicherheitslagen und –bewusstsein ergeben Orientierungspunkte für die Entwicklung von Sicherheitslösungen für den Menschen.

  • Geändert am: 09.03.2017
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